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Test & Technik: Der richtige Sattel

Der perfekte Sattel, der keiner war


(Ca 3-4 Min. Lesezeit)

Ich dachte wirklich, DAS ist er. Genau der richtige Sattel für mich und mein Rennrad. 14 Jahre lang dachte ich das. Bedauerte leidende Radsportkumpels, die auf der Suche nach einem bequemeren Sitzobjekt verzweifelten. Freute mich über das (trügerische) Glück mit meinem Sattel. Und verharmloste 14 Jahre lang die Beschwerden, die auch ich manchmal auf bzw. nach längeren Touren hatte: Druckschmerz an den Sitzknochen, Taubheit im Fortpflanzungsbereich, Probleme im unteren Rücken. Nie extrem schlimm, nicht immer, aber doch immer mal wieder.

Na ja, glaubte ich, so ist das wohl als leidlich ambitionierter Hobbyfahrer, der auch schon mal 15 Stunden in der Woche auf dem Rad sitzt. Der Gedanke, dass auf einem anderen Sattel vielleicht NIE irgendwas wehtut oder taub wird, war mir völlig fern. So litt ich tatsächlich 14 Jahre lang immer mal wieder vor mich hin.

Begonnen hatte es einst mit dem Kauf eines neuen Rennrads. Als der lokale Fahrradhändler mir das Objekt meiner Begierde präsentierte, war es mit einem ziemlich harten Sattel bestückt. Eine pure Carbonschale ohne Polsterung, nur mit einer Kevlarschicht überzogen. „Gar gar nicht“, schüttelte ich den Kopf. Thorsten, Rennrad-Koryphäe im Radladen meines Vertrauens, sah das anders. Sein Rat: „Fahr‘ damit einfach mal ein paar Tage. Du wirst sehen, der flext und passt sich super deinem Hintern an.“

So war es tatsächlich. Das gutaussehende Carbonteil mit Titangestell (übrigens seinerzeit ein internationaler Leichtbau-Bestseller) blieb drauf, ich war begeistert. Viel, viel besser als die Sättel, die mich vorher malträtiert hatten. Wobei Thorsten mit „super“ doch etwas übertrieben hatte. Doch das sollte ich wie gesagt erst 12 Jahre später erfahren …

Nach einigen tausend Kilometern platzte am Sattel etwas von der Kevlarschicht über der Carbonschale ab, es entstanden kleine Kanten, die meine Radhosen beschädigten. Ein anderes Modell kam dennoch für mich nie infrage. Mein Liebling wurde mittlerweile nicht mehr produziert, weshalb ich mir auf Online-Marktplätzen Nachschub besorgte. Ich kaufte sicherheitshalber auf Vorrat gleich drei Exemplare meines Favoriten...

Über die Jahre wechselte ich mehrfach meine Rennräder, der Sattel aber blieb. Im Radsporturlaub saß ich manchmal auf billigen Mietrad-Sätteln, die absolut unerträglich waren – was mich im festen Glauben an meine schnittige Carbonschale weiter bestärkte.

Bis dieser Glaube nachhaltig erschüttert wurde, gingen weitere Radsportjahre mit Tausenden Kilometern ins Land. Dann fasste ich einen weisen Entschluss: Mein Saison-Highlight, erneut eine mehrtägige Tour durchs Gebirge, wollte ich endlich mal ohne die bis dahin leider üblichen Beschwerden bewältigen. Also machte einen Termin beim Bikefitter, um meine Radeinstellungen optimieren zu lassen. Auf die Idee, dass die Probleme irgendwas mit dem Sattel zu tun haben könnten, kam ich immer noch nicht – der Bikefitter schon ...

Nach Vermessung und Sitzpositions-Analyse stellte er (ohne Rücksicht auf meine innige Verbundenheit mit dem Teil) emotionslos fest, dass der Sattel für meine Hintern zu breit und deshalb zu viel Druck auf den Sitzknochen sei. Zudem würde die Sattelform meine Weichteile eher be- statt entlasten. Mit einem zu meiner Anatomie passenden Modell könnte ich Taubheitsgefühle, Druck- und Rückenschmerzen auf einen Schlag zumindest erheblich reduzieren, wenn nicht sogar komplett verhindern.

Link: Blog-Artikel Bikefitting

Paff! Das saß! Innerlich protestierte ich noch ein bisschen gegen die bevorstehendeTrennung von meinem Carbon-Beauty, doch die Vorstellung vom beschwerdefreien Ritt über die Alpen übermannte mich schließlich.

Was dann kam, war für mich fast schon eine Erleuchtung. Als ich erstmals auf dem empfohlenen Rennradsattel (ein Ergon SR Men) fuhr – einfach nur WOW! So fühlt sich das also an, wenn ein Sattel gleichzeitig wirklich komfortabel, bequem, sportlich und dabei sogar recht leicht ist.

Ich testete die drei Versionen dieses Modells und entschied mich für die mittleren Preisklasse (der günstigste war mir etwas zu weich gepolstert, der teuerste kam mir vergleichsweise hart vor) – in der zu meinem Sitzknochenabstand passenden Breite, mit männerspezifischer Nix-wird-taub-Entlastungszone und präziser platzierter Polsterung für beste Sitzdruck-Verteilung. Und mit flexender Carbonschale, der einzigen Gemeinsamkeit mit meiner verflossenen Liebe.

Damit (plus optimierten Einstellungen von Rad und Sattel) bin ich tatsächlich ohne Sitz- oder sonstige Beschwerden eine Woche lang jeden Tag einen Hochgebirgspass nach dem anderen hoch- und runtergefahren. Deutlich komfortabler und dabei bergauf auch schneller als je zuvor. Seitdem ist für mich klar: Etwas anderes kommt mir nicht mehr auf die Sattelstütze.

Fazit: Wenn’s dir beim Radfahren, egal mit welchem Bike, wo, wie oft und wie lange, irgendwo wehtut – denke nie, das muss so sein. Nein, das muss überhaupt nicht sein, selbst harte Jungs müssen sich nicht unnötig quälen (auch wenn sie manchmal denken, das gehört dazu). Im Gegenteil: Ein komfortabler Sattel und die richtigen Einstellungen lassen dich sogar mehr Druck aufs Pedal bringen. Und genau DA gehört der Druck hin, nicht auf deinen Hintern.

Also: Wenn’s irgendwo zwickt oder zwackt, tu dir selbst einen großen Gefallen und lass dich fachkundig beraten. Denn richtigen Fahrspaß gibt’s nur mit dem passenden, perfekt eingestellten Sattel. Und schneller wirst du ganz nebenbei auch noch. Bist du mit deinem Sattel zufrieden?

Link: Video „Den perfekten Fahrradsattel finden“

 

Fragen zum Sattel? Antworten findest du beim saddle.expert

 

Autor: Jan
Erhöht mit Rennrad, E-Bike, MTB und Trekkingrad seine Lebensqualität erheblich. Mal sportlich, mal gemütlich. Mal allein, mal mit Freunden und Familie. Gern mit Höhenmetern. Hat viel erlebt und zu erzählen. Manchmal schreibt er seine Erlebnisse und Erfahrungen auch auf. Zum Beispiel im saddle.blog